Ein Wildwasser-Kajakkurs für Anfänger auf einem der schönsten Flüsse Europas, der slowenischen Soca. Das ist eine geniale Sache, solange man den Kopf nur ins Wasser und nicht in den Sand steckt. Wir haben es gewagt und versucht den Angsthasen in uns, mit ein paar mutigen Paddelschlägen abzuhängen. Ein Erfahrungsbericht voller Ups & Downs, wo Frust und Erfolg nur ein paar beherzte Paddelschläge voneinander entfernt sind.
von Christoph König
Ich bin nervös. Ein letztes Mal muss ich meinen Heldenmut zusammennehmen. Wir warten im Kehrwasser (vor 6 Tagen wusste ich noch nicht einmal, was das ist) mit unseren knallbunten Kajaks. Das Wasser ist kristallklar und türkis. Immerhin befahren wir den wahrscheinlich schönsten Fluss der Alpen, die Soca in Slowenien. Für die fantastische Landschaft haben wir im Moment aber keinen Blick übrig. Wir lassen noch eine Gruppe vor uns in die allerletzte Schlüsselstelle unseres einwöchigen Anfängerkurses eintauchen. Ein breiter Schwall mit Wildwasser der Kategorie III, unsere letzte Herausforderung, bevor wir bei der Cezsoca-Brücke aus dem Wasser steigen. Mit dem Kopf über statt unter dem Wasser, hoffentlich.
Tipp für Kroatien! Nicht weniger schön als die Soca sind die Plitvicer Seen in Kroatien mit ihren Wasserfällen. Lies hier, wie schön dort eine Wanderung ist.
Unsere mit allen Wildwassern gewaschenen Lehrer Monika und Jan fahren voraus. “Bleibt hinter uns. Aber wenn ihr seht, dass unsere Linie nicht so toll ist, sucht euch ruhig eure eigene.” Ruhig. Von wegen. Mein Nervenkostüm ist gespannt wie die Spritzdecke über meinen Füßen. Es geht los. Kein Zurück mehr – denn was der Strom einmal mitgenommen hat, das kommt frühestens beim nächsten Kehrwasser wieder zum Stehen. “Aktiv paddeln”, sage ich mir. Das ist immer stabiler, als sich treiben zu lassen. Und schon taucht mein Bug in einer unruhigen Stelle zwischen zwei Felsen ein. Das Wasser spritzt mir ins Gesicht. Ein Grinser kommt mir aus. Jetzt nur nicht wieder verkehrt unten ankommen. Eine 80er-Schnulze von Starship geht mir durch den Kopf: Nothing gonna stop us now. Oje, vor mir, hinter mir und neben mir andere Boote. Ich komme ein wenig ins Straucheln. Wird es eine Triumphfahrt oder ein letztes Mal kentern?
Zeitsprung zurück. Als wir Sonntags im Camp Liza – dem Campingplatz der Kajakschule von outdoordirekt.de eintreffen, haben wir noch keine Ahnung, was uns bei unserem Wildwasser-Kajakkurs erwartet. Nur eine Autostunde von der österreichischen und eine halbe von der italienischen Grenze entfernt, schlagen wir am Fluss Koritnica bei Bovec vor der Mündung zur Soca unser Lager und Zelt auf. Schon hier staunen wir über die Landschaft – flankiert von den steil aufragenden Gipfeln der Julischen Alpen weht vom Wasser eine kühle, feuchte Prise, die uns an diesen heißen Hochsommer-Tagen angenehm erfrischt. Wir sind mitten in einem Outdoor-Mekka. Über uns schweben Paragleiter, wir sehen Canyoning-Gruppen, Radfahrer, Läufer, Skydiver, Kanu- und Kajakfahrer, Rafting-Boote. Die Atmosphäre am Campingplatz ist auffallend ruhig. Nach so viel adrenalinreicher Action sind alle wohl umso entspannter.
Montag, 10 Uhr. Wir treffen Jan und Monika im Camp Liza. Ein ungleiches, aber für uns (wie wir schnell erfahren werden) perfektes Lehrergespann. Er, 21, hospitiert für seine Kajaklehrerausbildung und fährt seit seinem sechsten Lebensjahr. Privat sucht er für seine Freestyletricks gerne die Action. Sie, über 50, mit jahrzehnterlanger Erfahrung im Anfängertraining. Hauptberuflich Wissenschaftlerin. Beide kompetent und mit einer freundlichen Bestimmt- und Entschlossenheit, die ansteckend wirkt. Wir (sechs Anfänger, zwei Päarchen Anfang und Mitte 40 und zwei Teeniemädels 14 und 16 Jahre) haben im Vorfeld unsere Größen und Gewicht angegeben.
Die Outdoordirekt-Crew hat alles für unseren Wildwasser-Kajakkurs penibel genau vorbereitet. Jetzt heißt es nur noch zu schauen, ob uns die bereitgestellte Leihausrüstung auch passt. Mein Boot ist blau und heißt Granate. Dabei gehe ich damit ja ins Wasser und nicht in die Luft. Badehose bzw. Badeanzug und Neoprenfüßlinge haben wir mitgebracht. Darüber ziehen wir einen Neoprenanzug, die Spritzdecke, die Paddeljacke, die Schwimmweste und einen Helm. Dazu landet noch ein Wurfsack mit Rettungsseil in unserem blauen Ausrüstungssackerl. Ganz schön viel Zeug! Alles passt. Nur Karls Neoprenanzugträger spannen verdächtigt. Er hat unabsichtlich “S” erwischt. Monika kann sich ein Lachen nicht verkneifen.
Am ersten Tag geht es nach Italien. Über den Predilpass zum wunderschönen Predilsee, wo wir bei Wildwasser 0 ein Gefühl für die Kajaks entwickeln. Zuerst erlernen wir das Wichtigste, den Paddel-Grundschlag. Ganz nah am Boot setzen wir das Paddel steil ins Wasser und während wir uns mit der einen Hand am Wasser vorziehen, drücken wir die andere nach vorne, um noch mehr Kraft auf das Paddel zu bringen. “Pinocchio-Nase machen”, nennt das Moni. Die erste Challenge ist geradeausfahren. Gar nicht so leicht und etwas, woran wir die ganze Woche arbeiten werden. Die zweite Technik ist der Bogenschlag. Dabei führen wir das Paddel flach, weiter vom Boot entfernt in einem Halbkreis bis zum Heck. Ideal, um eine größere Richtungskorrektur vorzunehmen.
Jetzt wird es lustig. Mit dem Stützschlag (in Gorillahaltung schlagen wir ein Paddel flach auf die Wasseroberfläche) stellen wir das Boot wieder gerade, wenn wir zu sehr auf eine Seite kippen – soweit die Theorie. Und: Wir lernen, nach dem Kentern richtig auszusteigen. Moni und Jan drehen uns um. Mit dem Kopf unter Wasser gilt es, die Spritzdecke zu lösen, ein Knie nach oben zu stoßen und sich mit den Armen aus dem Kajak zu drücken. Am besten, indem man sich nach vorne abrollt, um unliebsame Begegnungen zwischen Steinen und Gesicht zu vermeiden.
Ich gestehe, in der Praxis ist mir im Nachhinein nicht immer klar, wie ich denn nun aus dem Boot gekommen bin. Hauptsache schnell draußen. Es gilt: Paddel nicht loslassen und sich vorne oder hinten am gekenterten Boot festhalten, damit nicht noch mehr Wasser reinfließt. Bevor man sich selbst aber in Gefahr bringt, die Ausrüstung loslassen. Denn die ist, im Gegensatz zu einem selbst, ersetzbar.
Tag 2: Wir bekommen eine theoretische Einführung im Wildwasser-Kajakfahren. Lernen, dass hinter Felsen oder anderen Hindernissen Kehrwasser ist, in dem wir halten und uns einen “Parkplatz” suchen können. Wir lernen, dass wir uns beim Einfahren in das Kehrwasser oder die Strömung mit einer Kurve nach innen lehnen und der Strömung den Hintern zeigen müssen. Je nach Bedarf nur ein bisschen – eine Kekspackung. Oder mehrere Packungen. Der Vergleich gefällt uns – und nachdem Moni erfahren hat, wo die guten rosa Neapolitaner-Schnitten herkommen, wird sie uns ab jetzt mit “Mehr Manner!” zu mehr Seitenneigung auffordern. Genug Theorie, ab ins Wasser. Unsere erste Etappe ist Wildwasser I bis II zwischen Kamno und Volarje. Dem voraus geht allerdings ein aufwändiges Prozedere, denn nach Abladen der Boote an der Einstiegsstelle, gilt es ein Auto an der Ausstiegsstelle zu plazieren und mit dem zweiten wieder zur Einstiegsstelle zu fahren.
Endlich im Wasser heißt die erste Aufgabe traversieren vom Kehrwasser hinter einem Brückenstützpfeiler zum nächsten. Weil ein Angler hier gerade einen fetten Fisch aus dem Wasser zieht, verlegen wir unsere Übungssession weiter nach unten. Der erste kleine Schwall wartet auf uns. Das Wasser spritzt mir ins Gesicht, während es flott abwärts geht. Wow, ist das cool! Dahinter versuchen wir jetzt traversieren, in dem wir eine S-Kurve fahren. Schwupps, bin ich auch schon gekentert. Sofort sind die Lehrer bei mir und helfen mir, an Land zu kommen. Erste Lektion: Das Kajak ausleeren kostet mehr Kraft als jedes Paddelmanöver. Meinen guten Vorsatz: Das Untergehen ab jetzt eher zu vermeiden, werde ich so wie alle anderen Kursteilnehmer (Spoiler!) öfter brechen. Meine uralten Laufschuhe waren als Schuhwerk nicht die beste Wahl. Dank Monikas flotter Reaktion schwimmen die abgetrennten Sohlen immerhin nicht die Soca hinunter.
Tag 3: Ruhetag. Jetzt merken wir so richtig, wie anstrengend die ersten zwei Tage waren. Wir grillen gemütlich Cavapcici, genießen das gute slowenische Bier … und ich lege mir ein paar neue Schuhe zu. Wasserabweisende, die ich auch nach der Tour beim Autofahren verwenden kann.
Tag 4: Wieder Wildwasser I bis II. Diesmal von Zarga nach Srpenica. Bei meiner zweiten S-Kurve lande ich schon wieder verkehrt im Wasser. Ich bin zum ersten Mal etwas frustriert. Doch Monika hat einen guten Rat. Ich stelle meine Fußstützen anders ein und sitze jetzt noch enger im Boot, so habe ich mehr Kontrolle. Außerdem finde ich heraus, wie ich mich nach einer Kurve mit kräftigen Paddelschlägen gleich wieder stabilisieren kann.
Mit diesem Erfolgserlebnis und mehr Selbstvertrauen geht alles deutlich leichter von der Hand. Auch Karl (unser zweifacher Papa) tut sich schwer. Doch als wir an einer einfachen Stelle üben, mit geschlossenen Augen in die Strömung einzufahren, hat auch er sein Erfolgserlebnis. Auf einmal spielt er sich mit den Kräften und lässt ein breites Dauergrinsen zwischen seinem Bart hervorblitzen. Seine Kids, Hannah und Laura, nehmen ihn auf die Schaufel: “Du kannst ja immer blind fahren, wenn es so besser geht, Papa.”
Tag 5: Wir sind aufgeregt. Denn jetzt geht es erstmals auf Wildwasser II-III. Einstieg bei Srpenica I, wo wir am Vortag ausgestiegen sind. Ausstieg bei Sprenica II. Diese Stelle ist extrem beliebt bei Raftinganbietern. Doch es tummeln sich hier auch Kanadierboote, Packrafts und sogar (hohe Kunst am Wildwasser) Stand-up-Paddler. Wir müssen öfter auf den Verkehr achten. Nach meinen Erfolgserlebnissen am Vortag lerne ich, dass die Tagesverfassung ein Hund ist, und kentere diesmal dreimal.
Einmal fahre ich eine Engstelle falsch an, obwohl ich zuvor schon bei Laura sehe, dass es so nicht geht. Dann will ich meine S-Kurve so elegant wie Jan fahren, ganz ohne paddeln – auch ein Fehler. Besonders witzig: Einmal geben uns die Lehrer eine eigentlich einfachere Linie vor. Aber weil Karl eine schwierigere, enge Passage zwischen zwei Felsen wählt und wir wie Lemminge nur auf unseren direkten Vordermann achten, fahren wir plötzlich alle unabsichtlich die schwerere Linie. Bei unserem Ausstieg wirft unser Wildwasser-Kajakkurs-Team (von Land aus!) noch einen Blick auf die Friedhofsstrecke. Keine Sorge, die heißt nur wegen einem nahegelegenen Friedhof so. Das Wildwasser III-IV ist aber eher was für den Wildwasser-Aufbaukurs und uns jetzt noch zu schwer.
Tag 6: Wir starten unseren letzten Wildwasser-Kajakkurs-Tag nur wenige Minuten von unserem Camp Liza, wo die Koritnica in die Soca mündet. Wildwasser II-III steht am Programm. Der Fluss ist hier oben noch enger – unser anspuchsvollster Abschnitt bis jetzt. Bei einer Stelle bin ich fast froh, dass ich schon vorher kentere. Denn da kann ich gemütlich zusehen, wie andere an ihr scheitern. Ein riesiger Felsen, der sogenannte Frauenschlucker, wird an diesem Tag zum Männerschlucker. Denn am Fels davor mache ich den Fehler, mich vom Stein weg und nicht zu ihm hinzulehnen. “Schließe den Felsen in die Arme”, hat mir Monika leider umsonst eingebläut. Und weil Karl meinem gekentertem Boot nicht ausweichen kann, landet er ebenfalls im Wasser.
Während wir mit uns und der Strömung kämpfen, trumpfen Hannah und Laura groß auf. Sie üben hier so oft traversieren mit S-Kurven, dass sie es schon fast im Schlaf beherrschen. Kraft ist eben nicht alles. Hier nehmen wir auch gleich eine Jause und Klara und Jan springen vom mehrere Meter hohen Felsen ins Wasser. Das ist so klar, dass man jeden Stein am Grund erkennen kann. Herrlich. Hier üben wir jetzt auch den Umgang mit dem Wurfsack – ziehen einen Kurskollegen mit dem Seil aus dem Wasser und lassen uns einmal selbst retten.
Ich bin schon etwas müde und frage Monika ungefähr so oft wie der nervige Esel im Film Shrek, wie viele schwere Stellen noch bis zum Ziel kommen. Bei der vorletzten sorge ich für einen unfreiwilligen Stunt. Vor mir hat Karl Schwierigkeiten und mein Versuch in Slalomkurven an den Felsen und ihm vorbeizukommen, endet damit, dass ich den letzten Schwall verkehrt herum, mit dem Heck voraus, nehme. Als ich so plötzlich vor allen anderen auftauche, die im Kehrwasser warten, müssen wir alle herzlich lachen. Nervös stelle ich mich, wie oben erwähnt, der letzten Schlüsselstelle. Doch weil der Wasserstand niedrig ist, ist die am Ende viel leichter als gedacht. Erleichert paddel ich die letzten 500 Meter zum Ende unserer Tour bei der Cezsoca-Brücke. Nicht ohne noch einmal unabsichtlich über einen Fels zu hüpfen – oder wie ich sage, cool an ihm entlang zu grinden. Unten angekommen, darf der Kinderkurs alle Kanulehrer zum Kentern bringen.
Ich bin stolz, in dieser Woche meinen inneren Schweinehund besiegt zu haben. Wie Monika richtig gesagt hat, Wildwasser-Paddeln, das ist ein guter Kurs fürs Leben. Wenn du aktiv bist und entschlossen, klappt es am besten. Der natürliche Reflex, sich vor Angst passiv treiben zu lassen, ist kontrapoduktiv. Den Mutigen gehört die Welt. Den Ängstlichen das kalte Soca-Wasser. Spaß hatten wir alle. Und eines ist sicher, die Soca sieht uns sicher wieder. Tipp! Ganz viel weitere Inspiration für eine tolle Abenteuerreise und Freizeit gibt es hier auf unserer Instagram-Seite – folgt uns dort. Und hier haben wir noch 9 tolle Reiseziele für den Sommer.
Auch mit einem Rucksackboot kann man verdammt coole Dinge anstellen. Lies dazu unsere witzigen Testberichte:
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Der Chefredakteur der Helden der Freizeit hat das Onlinemagazin 2016 ins Leben gerufen und ist seit 2000 als Sportjournalist im Einsatz. Bei heldenderfreizeit.com ist er spezialisiert auf actiongeladene Outdoor-Aktivitäten, Ausflüge, Videos, Spiele, Filme, Serien und Social Media.