Welche Abgründe verbergen sich in der Normalität? Wie hält ein Mensch dem Hagel von fremden und eigenen Erwartungen stand? Wie viel Ich darf oder muss in den eigenen Lebensentscheidungen stecken? Diesen und vielen anderen Fragen unserer eigentlich behüteten Existenz stellt sich die 24-jährige Niederösterreicherin Hannah Oppolzer in ihrem beachtlichen Debüt-Roman Verpasst.
Eine Kritik von Peter Marius Huemer. Der freie Schrifsteller stellt euch in “Peters Buchtipp” jeden Monat ein außergewöhnliches Werk vor.
Emma ist Mitte Zwanzig und ihr Leben verläuft in schönen aber vorhersehbaren Bahnen. Sie hat einen Langzeitfreund, der bald von seinem Auslandssemester zurückkommt, einen Mann, den irgendwann heiraten will. Sie hat eine beste Freundin. Sie studiert und hat einen Plan. Wenn da nicht diese eine Sache wäre, die ihr fehlt und deren Fehlen Schritt für Schritt andere Risse in ihrer Existenz offenlegt: die Liebe ihrer Mutter.
Hannah Oppolzers Roman ist trotz seiner Aufteilung in mehrere Perspektiven eine sehr geradeheraus erzählte Sache. Wie das Ende einer Coming of Age Geschichte, setzt das Buch erst an, als eigentlich alle Fragen des Lebens bereits geklärt scheinen. Emma weiß, was sie vorhat, und glaubt auch zu wissen, was sie will. Auch mit ihrer distanzierten und kalten Mutter hat sie sich irgendwie abgefunden, weiß zu jedem Zeitpunkt, was sie bei Besuchen zuhause zu erwarten hat, und ist trotzdem enttäuscht.
Diese Enttäuschung ist der Schlüssel, der den Roman ins Rollen bringt. Die schönsten Zukunftspläne verlieren ihren Glanz, wenn man vorher schon weiß, dass man mit ihnen nicht zufrieden sein wird. Beispiele finden sich genug: Emmas Mutter hatte bereits als Teenager alles durchgeplant und es dann auch genauso durchgezogen, vermeintlich. Und dann ist da das Kind und sie kann es nicht lieben. Und dann ist da das Leben mit Haus und Garten und Job und irgendwann schaut man darauf zurück und fühlt sich, als hätte man etwas verpasst. Eben davor beginnt auch Emma, sich zu fürchten.
Eigentlich, und das weiß sie auch selber, hat Emma keinen Grund, sich zu beklagen. Obwohl das Verhältnis zu ihrer Mutter schwierig ist, läuft alles andere gut. Das heißt aber nicht, dass es einem, nur weil auf dem Papier alles gut ist, auch gut gehen muss. Je fester sie sich in ihrem Leben verankert, umso mehr quälen sie die Zweifel. Hier liegt der Knackpunkt. Emma und alle anderen Menschen im Roman leben in einer scheinbar heilen Welt, wie man sie heutzutage auf Erden selten vorfindet. Keine Armut, kein Krieg, keine Naturkatastrophen. Es ist das perfekte Bild Mitteleuropas, eine Erzählanordnung, in der frei von körperlichen Wünschen die Zwischenmenschlichkeit unangefochten im Mittelpunkt steht und die potentielle Leere notbefreiter Lebenszeit mit Bedeutung und Selbsterkenntnis gefüllt werden muss.
Da ist ein Streitgespräch, in dem die Kontrahenten sich mit argumentativen Allgemeinplätzen und seichtem Wissen bekriegen keine intellektuelle Auseinandersetzung, sondern ein fruchtloses Tauziehen zwischen fundamentalen Standpunkten. Die Argumente verhallen im Angesicht des Standpunktes und deshalb sind es die Nuancen von Ton und Stimme und die Projektion des einen auf den anderen, die von Bedeutung sind. Wenn der Fokus in anderen Gesprächen von Philosophischem auf Persönliches wandert, kommen die klaren und unausweichlichen Worte. Das ist eine Stärke des Romans. Wenn etwas gesagt wird, dann wird es gesagt und nicht angedeutet oder umschrieben – in Dialog, wie in der Innensicht.
Der Blick der Figuren in Verpasst ist meist nach hinten gerichtet, selten ins Jetzt und bloß hin und wieder in die Zukunft. Die Zukunft ist schablonenhaft, vage in ihrer Unausweichlichkeit und deshalb furchterregend. Also wird in der Vergangenheit nach Gründen gegraben. Unabhängig von den verschiedenen nicht allzu schwer zu knackenden Zeitebenen, auf denen die Charaktere ihre Geschichten erzählen, blicken sie zurück und hadern mit so mancher verpassten Chancen oder damit, das Gute in ihrem Leben nicht genossen zu haben. Auch mit dem einen oder anderen schweren Fehler.
Der ganze Roman ist ein langsames Heranschieben an die Gegenwart, an einen Startpunkt, von dem ein eigenes, selbstbestimmes Leben begonnen werden kann. Wie so ein Startpunkt, ein Nullpunkt aussehen kann, versucht der Roman zu ergründen, und die Figuren kreisen darum.
Die nur hin und wieder, in ausgewählten Momenten mit charaktergetriebenen Metaphern verzierte Sprache enthebt sich nie der Perspektive der Figuren, spricht aus ihnen, nicht über sie. Da sprechen Menschen und Menschen werden im inneren Monolog auch schon mal pathetisch oder verfangen sich in nicht exakt schlüssigen Gedanken. Da wird nichts beschönigt oder zum vermeintlichen Wohle des Textes gefiltert. Hin und wieder ist das, wenn man auf einen allzu emotionalen vorgetragenen banalen Gedanken oder Vergleich stößt, gewöhnungsbedürftig, aber nach einigen Seiten der Eingewöhnungsphase harmonisieren Sprache, Plot und Struktur miteinander.
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Mehr InformationenVerpasst von Hannah Oppolzer ist ein gelungener Erstling, der sich auf sein Thema und eine spezifisch eingegrenzte Erzählwelt beschränkt und sich darin konzentriert literarisch festbeißt. Ohne sich zu verzetteln, erzählt das Buch seine Geschichte und obwohl die Reise nicht ganz ohne kleineres stilistisches Holpern verläuft, ist das Ergebnis wärmstens zu empfehlen.
Verpasst ist im Oktober 2023 im Braumüller Verlag erschienen.
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Peter Huemer stellt bei den Helden der Freizeit jedes Monat in "Peters Buchtipp" ein außergewöhnliches Werk vor. Außerdem schreibt er bei uns über Games, Kino und Streaming. Der Freie Schriftsteller hat vergleichende Literaturwissenschaft studiert und arbeitet auch als Lektor, Korrektor und Übersetzer.