Wenn ein Bruch durch die gesamte Existenz geht und einem die Welt auf einmal fremd erscheint, ist es leicht, in Verzweiflung zu verfallen. So ergeht es der Protagonistin in Jürgen Bauers neuem Roman. Doch die Welt – in ihrer stetigen Veränderung – dreht sich weiter, wächst und wuchert.
von Peter Huemer
10. März 2024: Eine langgediente Souffleuse verweigert inmitten einer wegen der Pandemie digital übertragenen Opernaufführung einer Sängerin die Hilfe. Ohne ersichtlichen Grund lässt sie die Sängerin auf der Bühne nach dem Text ringen. Danach zieht die Souffleuse sich auf ihre Hütte am Land zurück, wo ihr kürzlich verstorbener Mann (der ehemalige Hausregisseur der Oper) einst liebevoll einen Garten angelegt hatte.
Der Garten verwildert zusehends und Madame Partitur, die Souffleuse, sieht sich nicht in der Lage, etwas dagegen zu unternehmen. Als ein streunender Hund bei ihr auftaucht und wenig später ein vorgeblich ihr zur Hilfe geschickter Gärtner, beginnt sie den Tod ihres Mannes zu verarbeiten und ihren Platz in einer scheinbar im Niedergang befindlichen Welt zu suchen.
Ohne Zuschauer ist die Oper nicht, was sie sein sollte. Es ist, als habe man eine Kunstform in der Hälfte geteilt und versuche nun mithilfe digitaler Protesen eine Leiche lebendig erscheinen zu lassen. Gleichzeitig machen moderne Ideen nicht vor den Stücken halt. Madame Partitur versteht die Welt nicht mehr oder will sie nicht verstehen. Sie ist alleine. Nach ermüdend langer Krankheit ist ihr Mann verstorben und nun steht sie vor der Leere. Es fällt ihr schwer, nach diesem Schnitt auch noch andere Veränderungen zu akzeptieren.
Vor allem aber fällt es ihr schwer, sich selbst ohne Oper und Ehemann außerhalb der Regeln ihres bisherigen Lebens zu erkennen. Es fällt ihr schwer, die Vergangenheit klar zu sehen, zu verarbeiten und zu akzeptieren. Und da ist dieser Garten, der ihr über den Kopf wächst. Die Natur wartet nicht auf sie. Alles wächst und wuchert und sie kommt nicht zu der Ruhe, die sie bräuchte.
Der Roman ist in vier Akte geteilt (Winter, Frühling, Sommer, Herbst) und die Handlung folgt den Jahreszeiten auf emotionaler Ebene genau wie die Aktstruktur einer Oper. Der Garten ist die Bühne und alle anderen Handlungsorte wirken wie aus einer anderen Welt. Sie sind der Orchestergraben, der Umkleideraum und umschmiegen die eigentliche Vorstellung mit Gesprächen und Gedanken, die sich wie Regieanweisungen auf das Geschehen im Garten auswirken.
Die Arien werden im Grün und in der Hütte gesungen. Der Hund, der Gärtner, die Intendantin und Madame Partitur sowie der Geist des Verstorbenen drehen sich um das Trauma und die Angst vor einer ungewissen Zukunft. Aber hinter allem schwebt die nebelige Vergangenheit, die zwischen schönen Erinnerungen und verdrängtem Schmerz oszilliert. Dabei ist gerade die Unwirklichkeit mancher Umstände, die manchmal fragwürdige Zuverlässigkeit der Protagonistin, der größte Anziehungspunkt des Romans.
Die Stimmung in Styx ist nicht bloß eine der Trauer, sondern mutet manchmal gar apokalyptisch an. Inmitten der Pandemie weiß niemand, wie die Welt danach aussehen wird, und Zuversicht muss man mit Ausnahme der Figur des Gärtners, mit der Lupe suchen. Alles ist Vergangenheit. Die Gegenwart ist eingefroren und unwirklich. Dagegen spricht der Lauf der Jahreszeiten.
Das Universum weiß nichts von geschlossenen Opernhäusern. Aber was ist schon das Universum gegen den Schmerz? Aus Wachstum wird Ersticken und das Wasser im Gartenteich beginnt zu kippen. Madame Partitur lässt nur langsam andere durch ihren Schutzwall. Der Hund muss die erste Nacht draußen verbringen. Der Gärtner schläft in einem Zelt im Garten und die exzentrische Intendantin muss erst als Feind gesehen und innerlich überwunden werden, bevor sie Verbündete sein kann.
Styx spielt mit den Opern, mit Erinnerungen an vergangene Inszenierungen und solchen, die nie Wirklichkeit wurden, ohne sie als zu entschlüsselnde Rätsel vor die Romanhandlung zu schieben. Die Titel der Stücke und die Möglichkeiten ihrer Interpretationen sind mehr als bloß Verweise. Sie spiegeln das Seelenleben und den Blick der Protagonistin auf die jeweilige Situation, ohne sie in ihrer Gänze zu verkörpern. Auch ohne Opernkenntnisse erlaubt einem der Roman das Gefühl von Verständnis, präsentiert einem die Stücke als Fenster statt als Türen.
Sprachlich verinnerlicht das Buch Musikalität. Es wird klar und simpel erzählt, wenn die Handlung vorwärts treibt, und beinahe lyrisch, wenn die psychologischen Brüche und Durchbrüche geschehen. Stark ist der Stil vor allem dann, wenn die Wirklichkeit in Frage steht und Erinnerungen sich vor die Gegenwart schieben. Aus der Geradlinigkeit des erzählten Jetzt wird durch ebenso geradlinige Sätze, die aber ohne Markierung aus anderen Ebenen in sie hineingeflochtet werden, eine Mehrstimmigkeit, eine Ambivalenz, die zwischen dissonanten Widersprüchen und harmonischer Erkenntnis pendelt.
Styx ist ein tief emotionaler und konstruktiver Roman, der die Verarbeitung von Verlust und Trauma in eine gekonnt konstruierte Geschichte bettet. Die Opernkulisse und ihre Bedeutungsebenen sind ein wunderbarer Hintergrund für eine solche Erzählung. Jürgen Bauer findet in diesem Kontext die richtigen Metaphern, ohne sie zu überstrapazieren. Ein zutiefst menschliches und emphatisches Buch, das man gelesen haben sollte.
Styx ist am 6. März im Septime Verlag erschienen. Eine Review zu seinem vorigen Roman Portrait gibt es hier nachzulesen. Und hier gibt es schon Peters April Buchtipp Selbe Stadt, anderer Planet – ein Roman zu Hallstatt und seiner chinesischen Kopie.
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Aufmacherfoto: (c) heldenderfreizeit.com
Peter Huemer stellt bei den Helden der Freizeit jedes Monat in "Peters Buchtipp" ein außergewöhnliches Werk vor. Außerdem schreibt er bei uns über Games, Kino und Streaming. Der Freie Schriftsteller hat vergleichende Literaturwissenschaft studiert und arbeitet auch als Lektor, Korrektor und Übersetzer.