Von wegen made in China! Seit 200 Jahren erobert die Karten-, Spiel- und Puzzleschmiede von Wien aus die Welt. Was Piatnik besonders macht? Und was das Geheimnis hinter den größten Hits wie Activity oder Smart 10 ist? Wir haben es uns bei einem Lokalaugenschein in der Fabrik des Familienunternehmens in Penzing angeschaut und mit Piatnik-Ururenkel Dieter Strehl gesprochen.
von Christoph König
Es ist so groß und doch versteckt es sich so unscheinbar im Wiener Stadtbild – das riesige Gebäude der Piatnik-Fabrik in der Hütteldorfer Straße 229. Ohne die wenigen roten Piatnik-Schilder würde man glatt daran vorbeilaufen und nicht ahnen, wieviel bunter Spielspaß sich hinter der hohen grauen Fassade verbirgt. 70.000 Spielkartendecks und 10.000 Gesellschaftsspiele werden hier täglich am Fließband produziert. Durch den Hof mit dem riesigen alten Schlot gelangt man in die Fabrik – wo die Helden der Freizeit bei einer Betriebsführung tolle Insider-Einblicke bekommen. Schau dir hier Videoimpressionen von unserem Besuch an.
Hier wird gedruckt, geschnitten, gelagert und gepackt. Während es draußen an diesem Tag kalt und verregnet ist, laufen drinnen die Maschinen heiß. Es ist warm und riecht nach Druckerfarbe – selbst ein hypermoderner Roboterarm, der Pakete auf Paletten schlichtet und Monitore, die verschiedene Maschinen steuern können den handwerklichen Charme, den alles hier immer noch versprüht, nicht überdecken. Hier mit Bleistift beschriftete Papierstöße, dort ein kleiner Karton mit urigen beweglichen Drucklettern. Bei unserem Besuch wird gerade eine ausländische Version der Activity Club Edition für Erwachsene produziert. Endlich wissen wir, was Nacktpoker auf rumänisch heißt.
Piatnik liefert seine Karten, Spiele und Puzzles in 70 Länder und betreibt Tochterfirmen in Mönchengladbach, Prag und Budapest. Nein, nicht in China – sondern hier mitten im Wiener Außenbezirk werden die meisten Karten und Spiele noch immer hergestellt – vor allem das Papier gedruckt. Nur besondere Elemente wie Würfel werden extern zugeliefert. Einkauf, Vertrieb, Marketing und Entwicklung passieren auch direkt hier im Wien-Sitz. Heuer feiert Piatnik als eines der traditionsreichsten und größten Wiener Familienunternehmen seinen 200. Geburtstag.
Am 14. Mai 1824 um 10 Uhr gründete Anton Moser seine Kartenmalerei. Er war damals nur einer von 100 in Wien. Sein Geselle, Ferdinand Piatnik, kam aus Ungarn über Bratislava nach Wien, übernahm 1842 das Geschäft, heiratete Mosers Witwe und baute es mit drei seiner Söhne (daher der Firmenname Ferdinand Piatnik & Söhne) im damals noch 7. Bezirk aus – ehe das Unternehmen 1891 in das heutige Gebäude nach Penzing übersiedelte. Damals gab es hier draußen freilich nur die Vorstadt und das erste Telefongespräch zwischen London und Paris per Kabel durch den Ärmelkanal war in Europa gerade Gesprächsthema Nummer 1.
“Wir hatten Glück oder haben irgendwas besser gemacht als die anderen”, sagt Mag. Dieter Strehl über den Aufstieg des Betriebs. So bodenständig und sympathisch wie der Ur-Ur-Enkel von Ferdinand Piatnik dabei wirkt, ist man eher geneigt Zweiteres anzunehmen. Seit 40 Jahren schupft er Piatnik zusammen mit Familienmitgliedern – alle Gesellschafter sind direkte Piatnik Nachfahren. Bei Kaffee und Jubiläums-Punschkrapfen erzählt er der Journalistenrunde von der bewegten Geschichte.
“Heute leben wir in einer Polykrise mit Klimawandel, Kriegen usw. In den 200 Jahren haben wir aber auch schon ganz andere Katastrophen erlebt”. Darunter zwei Weltkriege. Am Ende des 2. Weltkriegs verlor Piatnik durch Zerstörung und Enteignung alle ausländischen Sitze – nur das Haus in Wien blieb. “Und da hatten wir noch Glück, in der französischen Zone zu liegen, sonst hätten wir unsere Maschinen an die Russen verloren.” Der aktuellen Teuerungskrise begegnet man mit einer Preisreduktion von 200 Produkten.
Die Erfolgsgeschichte wurde weiter ausgebaut – seit 1956 als Hersteller auch von Gesellschaftsspielen, dann seit 1966 von Puzzles, richten sich “zwei Drittel” der Produkte an erwachsene Käufer. Es begann mit Klassikern wie Schach, Mühle und Backgammon – ehe in den 80er Jahren der Gesellschaftsspiel-Boom einsetzte. 182 Spielverlage gibt es inzwischen im deutschsprachigen Raum, 3000 neue Spiele erscheinen jedes Jahr. “Es ist ein Paradies für alle, die Spiele mögen”, sagt Strehl. Das Ganze sei mit einem Kinderbuchverlag zu vergleichen. Bei den neuen Spielen wisse man selten im Vorhinein, wie gut sie ankommen werden. “Ab einer Auflage von 3000 bis 5000 Stück rechnet es sich.”
1000 Ideen von eifrigen Spieleerfindern landen jedes Jahr bei Piatnik. Vier Spieleredakteure testen und sieben aus. Wie im Buchbereich sind es die Bestseller, die den Unterschied ausmachen. Angeführt von der Activity-Reihe mit 12 Millionen verkauften Exemplaren, gefolgt von Tick Tack Bumm mit 11 Millionen oder Rommikub mit 1,5 Mio. Bei der Auswahl, was das Zeug zum Hit hat, können Pannen passieren. “Smart 10 hab ich zuerst abgelehnt. Ich dachte, dass ein Quizspiel in Google Zeiten nicht zieht. Das war ein Fehler”, erklärt Strehl. So kam es zuerst bei einem Verlag in Skandinavien heraus, wurde dort ein Erfolg. Piatnik fielen dann doch noch die Rechte für den deutschsprachigen Raum in die Hände, er schlug zu und das Spiel voll ein: “Ein Tipp. Wenn Sie ein erfolgreiches Spiel haben wollen, machen sie eine TV-Show dazu.”
Gerade von solchen Dauerbrennern und Klassikern lebt die Firma – mit Ablegern dieser Hits lässt sich der Erfolg weiter ausschlachten. Warum alles Bekannte so gut ankommt? “Weil das größte Manko jedes Spiels die Spielregeln sind. Jeder will gleich loslegen und sich nicht damit beschäftigen. Deshalb sind Spiele, die alle in der Runde schon kennen, immer im Vorteil”, weiß Strehl. Da ändert es auch wenig, dass man inzwischen von etwa 200 Spiele-Bloggern im DACH-Raum zu jedem Spiel schon praktische Regelerklärungen auf YouTube findet und sich nicht mehr durch die bei komplexen Spielen sehr dicken Anleitungen quälen muss.
Vom analogen Spiel geht immer noch ein besonderer Reiz aus. Wohl deshalb scheiterten zuletzt auch Mischformen bei denen ein Tablet oder Smartphone in das Spiel einbezogen wurde – wie DKT Smart. Schon besser kommt da zum Beispiel die grüne DKT-Variante Das klimaneutrale Talent an, bei dem Bäume gepflanzt statt Häuser gebaut werden. Freilich ist die Originalvariante noch immer die mit Abstand gefragteste. Stolz ist man auch darauf, dass 73 von 100 Mitarbeiter:innen kein Auto für den Weg in die Arbeit brauchen. Was Strehl selber gerne spielt? “Tarok. Auch wenn mir die Oma damals Bridge beibringen wollte.” Und was würde sich Strehl wünschen? “Dass jedes Quartal einmal Weihnachten ist.” Dann wäre die Produktion im zweiten Halbjahr nicht so intensiv und kein Schichtbetrieb nötig. Man kann sicher sein, dass Piatnik auch für die Zukunft noch ein paar Asse oder Jolly Joker in der Hand hat.
Helden-Tipp! Vor Weihnachten gibt es in der Piatnik Fabrik immer einen Lagerabverkauf, wo ihr euch Spiele besonders günstig checken könnt.
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Der Chefredakteur der Helden der Freizeit hat das Onlinemagazin 2016 ins Leben gerufen und ist seit 2000 als Sportjournalist im Einsatz. Bei heldenderfreizeit.com ist er spezialisiert auf actiongeladene Outdoor-Aktivitäten, Ausflüge, Videos, Spiele, Filme, Serien und Social Media.