Die Kunstfigur Ostbahn Kurti ist Kult. Die Helden werfen einen Blick auf die Karriere des Wiener Originals, das Detroit nach Favoriten verlegte.
von Scarecrou
Musik begleitet mich schon mein ganzes Leben lang. Ich bin mit einem großen Bruder gesegnet, der das Kinderzimmer mit T. Rex, Slade und Deep Purple beschallte. War mein erster Held, ich gestehe, noch Daniel Gerard, nahm ich bald die Abzweigung in Richtung Rock und Pop. Einige meiner musikalischen Helden verlor ich mit der Zeit aus den Augen, manche begleiten mich bis heute. Einer, der seit 1985 auf Kassette, Schallplatte und CD aus meiner musikalischen Sammlung nicht wegzudenken ist, ist der Ostbahn Kurti.
Günter Brödel entwarf einen Bandstammbaum für die Chefpartie.
Im Jahr 1979 trat die Kunstfigur Ostbahn Kurti zum ersten Mal in Erscheinung. Im Theaterstück „Wem gehört der Rock´n´Roll“ waren aber der Kurt, verkörpert vom späteren Moderator Erich Götzinger, und seine Chefpartie nur Nebenfiguren. Sechs Jahre später sollte sich das ändern.
Bevor Ostbahn Kurti und seine Chefpartie gemeinsam als Musiker eine Bühne betraten und ein Konzert spielten, existierten sie bereits im Kopf von Autor Günter Brödl. Er entwarf eine Bandbiografie, die bis in das Jahr 1968 zurück reichte. Er stattete jedes Mitglied der Chefpartie und jede Vorläuferband mit einer eigenen, sehr detaillierten Geschichte aus und erstellte Playlisten für fiktive Langspielplatten.
1975 überlegten Wolfgang Kos und Günter Brödl anlässlich eines Jahresrückblicks in der Musicbox, wie denn die Band Southside Johnny & the Asbury Jukes wohl in Wien heißen würden. Das Ergebnis dieser Diskussion ist bekannt.
Das Bild vom Albumcover der ersten LP: Die Chefpartie anonym
Um seiner literarischen Figur Leben einzuhauchen, scheute Günter Brödl keine Mühe. Er ließ einen Mythos entstehen, in dem er Veranstaltungsräume mietete und lautstark seine Lieblings-R´n`B-Nummern spielte. Das Publikum musste leider draußen bleiben, deklarierte Brödl seine Veranstaltungen doch als „Ausverkauft!“. Außerdem suchte er mittels Kleinanzeigen nach nie erschienenen Langspielplatten von Ostbahn Kurti und der Chefpartie.
Anfang der achtziger Jahre fand Brödl dann seinen kongenialen Partner. Willi Resetarits hauchte den von Brödl erdachten Texten und Geschichten, Leben ein. Für die wienerische Version des R´n´B, den Favoritn´n´Blues, sorgten unter anderem Musiker der Wiener Formationen Auflauf und Crumb. Die erste Platte war bald ein Geheimtipp. Die Musiker versteckten sich hinter ihren Pseudonymen und verspiegelten Sonnenbrillen. Ostbahn Kurti und die Chefpartie spielten zu dieser Zeit nicht in großen Hallen, sondern in Hinterzimmern von Schutzhütten. Dort habe ich auch mein erstes Konzert gesehen. Vierzig bis fünfzig sollten folgen.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Youtube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Eines von vielen Konzerten: Auch in Tulln am Festival-Schiff war ich dabei.
Ich begleitete Ostbahn Kurti vom Anfang in den Schutzhütten über die Konzerte in den Volkshochschulen bis zu den großen Events am Ostbahn 11-Platz und vor dem Riesenrad, wo er sich bereits zum Herrn Kurt Ostbahn wandelte. Kein Konzert glich dem anderen. Immer wieder extemporierte der Kurti zwischen den Songs, erzählte von seinem Vater, vom Pudel und von der Frau vom King Karasek, der Hertha. Und immer wieder erzählte er die Geschichte anders, fügte Details hinzu, vergaß ob des Alkoholkonsums einen wichtigen Teil. Egal, das Publikum konnte die Geschichte weitererzählen.
Die legendäre Live-LP: Ich hab die mit der Nummer 333.
Was macht die Faszination Ostbahn Kurti für mich aus? Da sind einmal die grandiosen Texte von Günter Brödl. Waren die ersten Platten vor allem noch Coverversionen von Songs seiner Helden wie Bruce Springsteen, Willy de Ville und Townes van Zandt, veröffentlichte die Chefpartie 1991 erstmals einen Tonträger, der fast nur Eigenkompositionen versammelte. Bei den Nachdichtungen übersetzte Brödl die Texte nicht eins zu eins ins Wienerische, er führte sie behutsam nach Wien. Aus dem schmucklosen Vorort einer großen amerikanischen Stadt wurde eine G´stetten am Rande von Wien. Die Fabrik stand nicht mehr in Detroit, sondern in Favoriten.
Brödl versuchte, die wilde Welt des Rock´n´Roll für Wien zu adaptieren. Dabei scheute er auch nicht davor zurück, die ganz Großen des Rockgeschäftes zu zitieren. Für die Live-LP nahm er Anleihen an Who-Album „Live at Leeds“. Die Platte erschien in einem schmucklosen Kartoncover mit Titelstempel und fortlaufender Nummerierung. Im Cover befand sich ein Sackerl, das unter anderem Songtexte auf verschiedenen Notizzetteln, ein Bandfoto und andere Memorabilien enthielt. Die streng limitierte Auflage, je nach Quelle 2.000 – 2.500 Stück, macht das Album zu einer gesuchten Rarität.
[Günter Brödl gelingt es] … dass diese bellenden Rock´n´Roll-Songs aus Amerika in einem Gewand um die Ecke biegen, mit dem sie auch in Simmering auf die Straße gehen können.
Eintrittskarte vom legendären Konzert am Ostbahn XI-Platz.
Und da war natürlich diese Figur auf der Bühne, die von Willi Resetarits verkörpert wurde (und wird). Der Wilde, der Schnelle, der sich nicht darum scheißt, ob das was er sagt, politisch korrekt ist. Der immer für das Gute kämpft. Und für ein Achtel und einen Fernet. Der ein Leben vorspielt, das begehrenswert erschien: Schnell, laut, gefährlich.
Einmal war es mir vergönnt, Günter Brödl zu treffen. Wir saßen gemeinsam bei einem Freund zu einem späten Frühstück. So viele Fragen gingen mir durch den Kopf, die ich ihm stellen wollte. Dann erzählte er von einem Treffen mit Bruce Springsteen, einem seiner Helden. Wie er vor lauter Ehrfurcht erst einmal keinen Ton hervor brachte. Und von seinem Problem, dass er nicht wusste, welche Frage man seinem Helden stellen konnte, ohne dass es peinlich wurde. Ich ging im Kopf meine Fragen durch, die ich ihm stellen wollte, konnte keine für geeignet befinden und beließ es bei einer belanglosen Plauderei.
Teil der Wundertüte der Live-LP: Eine Notiz für die Fans.
Der Tod von Günter Brödl im Oktober 2000 beendete auf traurige Weise die Karriere des Ostbahn Kurti. Aus dem Nachlass der Texte produzierte Resetarits gemeinsam mit der Kombo noch eine Handvoll CDs, ein Buch erschien posthum. Und in unregelmäßigen Abständen lädt Willi Resetarits zu Konzerten, damit das Hauptwerk des großartigen Songtexters und Autors nicht vergessen wird.
Was blieb vom Ostbahn Kurti? Eine Menge Tonträger, den einen oder anderen Bootleg. Ein Buch mit Songtexten, zwei Bildbände und ein paar Krimis. Ein paar Seiten im Internet, die regelmäßig gewartet werden. Alle zwei Jahre ein als Klassentreffen getarntes Konzert wie dieses auf der Burg Clam. Für mich bleiben die Erinnerungen an eine Zeit, in der ich auch wild sein wollte und in der jemand genau wusste, wie es mir geht: Der Ostbahn Kurti.
Eine kleine Auswahl an empfehlenswerter Literatur:
Günter Brödl – Ostbahn Auslese (Sammlung an Songtexten)
Günter Brödl – Kurt Ostbahn: Blutrausch (Krimi)
Günter Brödl – Kurt Ostbahn: Hitzschlag (Krimi)
Peter Hies & Lukas Beck – Kurt Ostbah: Seid´d vuasitig und losst´s eich nix gfoin! (Bildband)
Die Alben muss man unbedingt gehört haben:
Ostbahn Kurti & die Chefpartie – Ostbahn Kurti & die Chefpartie
Ostbahn Kurti & die Chefpartie – A schene Leich
Ostbahn Kurti & die Chefpartie – ½ so wüd
Ostbahn Kurti & die Kombo – Reseviert fia zwaa
Ostbahn Kurti, die Chefpartie, die Kombo und die Ostbahn 11 – Hohe Warte Live
www.ostbahn.at: Hier gibt es einen guten Überblick über die Geschichte des Herrn Ostbahn.
www.espressorosi.at: Fanpage mit vielen Songtexten.
www.williresetarits.at: Wenn man wissen will, was der Kurt Ostbahn in der Pension macht.
Fotos: heldenderfreizeit.com
Der Chefredakteur der Wiener Alszeilen verfasst für heldenderfreizeit.com Buch-, Musik- und Spiel-Rezensionen, ist Video-Redakteur von CU TV und schreibt für das Musikmagazin Stark!Strom. Dazu berichtet er von Konzerten, Sport- und anderen Kulturevents und führt Interviews mit Stars und spannenden Persönlichkeiten.