Kunst & Inklusion? Mit Designs von Künstler:innen mit Behinderungen sorgt VOI fesch für einen bunten und notwendigen Zugang zur Szene. Wir haben den Gründer getroffen und stellen dir unseren Helden des Monats Helmuth Stöber im umfangreichen Interview vor.
von Verena Fink
Inklusion ohne Mitleidsbehaftung. „Es geht nicht um die Behinderungen der Künstler:innen, wir wollen das Talent in den Fokus rücken.“ Ich treffe mich mit Helmuth Stöber in einem Café in der Wiener Millennium City. Schon zu Beginn des Interviews wird rein durch die Erzählweise und den sichtbaren Enthusiasmus des Gründers schnell klar: Helmuth Stöber steht aus vollster Überzeugung hinter VOI fesch . Stolz präsentiert er mir seine Mitbringsel für das Gespräch: neben einem T-Shirt, das er selbst trägt und mit dem Design eines der Künstler bedruckt ist, zeigt er mir eine VOI fesch Seife, ein Sockenpaar, Postkarten.
VOI steht übrigens für Verein für Originelle Inklusion – ein lässiges, wienerisches Wortspiel. VOI fesch, die Marke des Vereins, ist mittlerweile eine eigenständige GmbH, die hauptsächlich Designs für Firmen kreiert. Das Besondere daran: die Künstler:innen hinter den Designs sind ausschließlich Menschen mit Behinderung(en). Mehr zum Unternehmen, die persönliche Motivation des Gründers, vergangene bzw. bevorstehende Herausforderungen und welche flotten Motive bald auf deinem abgedruckt Shirt sein könnten, hat unser Held des Monats im Interview verraten.
Helmuth Stöber: Wir machen nun schon seit 8 Jahren die Kunst von Menschen mit Behinderungen sichtbar und wollen dabei auf Talente und Fähigkeiten aufmerksam machen. Wir kreieren verschiedene Produkte, die wir nach außen tragen – zum Beispiel T-Shirts, Taschen, Socken aber auch Seifen, ganz unterschiedliche Sachen. Ursprünglich haben wir mit der Mode gestartet, weil es eine schöne Möglichkeit war, das Ganze erstmal sichtbar zu machen.
Wir haben mit einem Webshop gestartet, jetzt sind wir sehr stark im Bereich Firmenkund:innen unterwegs. Das heißt, wir bieten Firmen Geschenke für Mitarbeiter:innen, Werbegeschenke für Kund:innen oder für Veranstaltungen an.
Als ich noch studiert habe, war ich ehrenamtlich als Sachverwalter tätig. Ich hatte dort meine ersten Berührungspunkte zu Menschen mit Behinderungen. Das war für mich auch nicht gleich so einfach, weil ich gewisse Barrieren und Hemmschwellen im Kopf hatte. Es war schön für mich, als sich das dann zunehmend gelegt hat. Diese Barrieren konnte ich dann nach und nach abbauen. Und wenn man in Kreativstätten bzw. Tagesstätten viel unterwegs ist, sieht man auch Kunstwerke von Menschen mit Behinderungen hängen – ich fand es schad, dass die nicht gesehen werden.
Ich hatte daraufhin ein paar Jahre mit dem Bereich leider keinen Berührungspunkte mehr. Das war total schade, weil mir diese Kunstwerke getaugt haben und weil ich gerne T-Shirts trag, ist dann die Idee entstanden! *lacht* Ich dachte mir, es wäre doch cool, wenn man das kombiniert und das Thema in die Mitte der Gesellschaft bringt, einfach sichtbar macht, weil es ja schade ist, wenn diese Kunst nicht gesehen wird.
Ursprünglich war VOI fesch ein Produkt oder sozusagen die erste Marke des Vereins. Ich hab dann begonnen, Leute zu fragen, ob sie mitmachen wollen, weil es eine rein ehrenamtliche Initiative war. Wir haben dann sehr schnell auch Menschen gefunden, die mitwirken wollten. Zuerst haben wir ein T-Shirt herausgebracht und geschaut, wie das auf einem Webshop und einer Website ankommt. Dann haben wir begonnen, Stände zu machen, wir waren am Donaukanaltreiben und mit den Künstler:innen präsent. Ein wesentlicher Schritt war es dann auch, zu 2 Minuten 2 Millionen zu gehen. Das war ein starker Boost für unsere Bekanntheit.
Permanent arbeiten wir mit etwa 10 zusammen, für die Zusammenarbeit mit Firmen haben wir ein Netzwerk mit ungefähr 60 Künstler:innen. Wenn eine Firma auf uns zukommt und ein Design zu einem gewissen Thema möchte, geben wir diese Designs den Künstlerinnen in Auftrag, da gibt es dann eine Art Ausschreibung. Das heißt, die Künstler:innen bekommen eine Einladung, mitzumachen und einzureichenn und dann wird quasi ein Design für das Unternehmen gewählt, für welches Produkt auch immer.
Ja! wir machen das in Zusammenarbeit mit der inklusiven Tanzgruppe Ich bin ok, das ist deshalb auch etwas Besonderes, weil wir so auch noch weitere Talente nach außen tragen können. Wir bieten getanzte Modeschauen an, die sind sehr cool und es macht wirklich Spaß, zuzusehen. Auch Leute aus dem VOI fesch Team haben da schon mitgetanzt.
Wir haben mit einer Partnerschaft mit der Lebenshilfe Niederösterreich angefangen damals, das hat sich dann ausgeweitet. Mittlerweile haben wir Partner:innen aus ganz Österreich, in der Steiermark, in Tirol, überall verteilt und auf der anderen Seite organisieren wir auch einen Kunstpreis für Menschen mit Behinderungen, so haben wir auch immer wieder den Zugang zu neuen Künstler:innen und entdecken neue Talente. Der Kunstpreis ist für Künstler:innen mit Behinderung aus ganz Österreich ausgeschrieben. Es machen sogar Personen aus Deutschland mit.
Nein, weil das ist auch das abhängig von Organisationen, die das mit uns umsetzen wollen. Wir können das nicht einfach so finanzieren. Es soll dafür auch immer einen speziellen Anlass geben. Wir wollen nicht nur den Kunstpreis des Kunstpreises wegen veranstalten. Beim Ersten haben wir damals Müsliriegel-Verpackungen designt, beim Zweiten LKWs gestaltet, der letzte Kunstpreis war das Bedrucken von Gondeln in Tirol. Das ist immer sehr cool, wie die Kunst sichtbar gemacht werden kann und für die Künstler:innen auch immer ein Highlight. Es ist schon besonders für sie, wenn die Kunst, die sie schaffen, auch wirklich genutzt und gesehen wird.
Dadurch, dass wir damit gestartet haben, ist es noch sehr präsent. Wir haben aber zum Beispiel letztes Jahr relativ viele Seifen gestaltet, oder Bierdeckel, Kochschürzen … es gibt sehr viele Möglichkeiten, was man machen kann. Also Notitzbücher, Tassen, klassiche Geschenksartikel, ja. Aber auch kreative, neue Sachen.
Es gab schon ein paar. Die Erste de facto der Auftritt bei 2 Minuten 2 Millionen, weil dann von 0 auf 100 plötzlich ganz viele Bestellungen reingekommen sind. Wir haben eine Weiterentwicklung durchlebt von einer ehrenamtlichen Initiative zu einer Organisation. Wir hatten damals auch eine Förderung, die Förderung hatte die Auflage, ein Unternehmen zu gründen, das war sehr herausfordernd. Vor der Pandemie mussten wir Mitarbeiter:innen abbauen und das Büro schließen.
Unser Glück war dann, dass die Pandemie die Fixkosten sehr stark reduziert hat. Wir haben dann ein paar Mundnasenschutz-Masken rausgebracht, die gut angekommen sind und dann noch den Kunstpreis organisiert. Das Gute bei VOI fesch ist, dass wir sehr flexibel und anpassungsfähig sind. Und jetzt versuchen wir gerade, dranzubleiben. Zu motivieren und zu aktivieren – weil gerade große Organisationen haben viele andere Möglichkeiten mit ihren Kund:innen, mit ihren Mitarbeiter:innen das Thema nach außen zu tragen.
Uns ist auf jeden Fall wichtig, dass man das Potenzial sieht und nicht die Behinderung.
Helmuth Stöber von VOI fesch
Wenn wir Produkte selbst machen und nicht nur ein Design für ein Unternehmen liefern, achten wir auf Nachhaltigkeit, zum Beispiel Bio-Qualität. Mir taugen die Socken *zeigt mir die Socken* als Beispiel so, weil die zu einem hohen Anteil aus Biobaumwolle bestehen. Dann gibt es immer ein Tag (deutsch: eine Kennzeichnung), wo die kunstschaffende Person präsentiert wird, das ist aus recyceltem Papier und mit einer kompostierbaren, recycelten Plastikhülle umgeben. Die Seifen sind ein anderes Beispiel, da haben wir unsere Partnerin Hautsinn, die sind auch total nachhaltig unterwegs.
Ich mag den Stil von Jörg Rath, sehr beliebt ist auch zum Beispiel das Zebra von Albert Masser wo dabei steht „Besser gestreift als kleinkarriert“, da sind die Themen Vielfalt oder Offenheit in den Fokus gerückt. Wir hatten auch ein Design, das hieß Drachenkönig, mit der Aufschrift „Sei einzig nicht artig“.
Ja, ist sicher ein bekannteres Design! Was auch sehr gut angekommen ist, war ein einfärbiges Motiv mit einem Menschen drauf, wo dann daneben steht, “Sei du selbst, alle anderen gibt es schon.”
Wir wollen uns definitiv noch mehr dem Thema Firmen widmen, das Thema Inklusion nach außen tragen und Inklusion begreifbar und erlebbar machen. So wie die Modenschauen. Es gibt dann natürlich noch ein paar weitere Möglichkeiten. Zum Beispiel haben wir die Idee, Moderator:innen mit Behinderung hinzuzuziehen, oder einen Beatboxer, der Rollstuhlfahrer ist, es gibt viele Sachen gerade bei Events, wo man das Thema gut nach außen tragen kann, ohne Mitleidsbehaftung, dass man wirklich mehr auf die Stärken eingeht. Es ist auch wichtig, darüber nachzudenken, wie man kommuniziert. Wie gesagt, es geht nicht darum, die Behinderung, sondern das Talent in den Fokus zu rücken.
Wir wollen das Thema Inklusion nach außen tragen und begreifbar bzw. erlebbar machen.
Helmuth Stöber von VOI fesch
Perspektiven zu ändern, es geht um ein gesamtgesellschaftliches Thema. Wir wollen zum Mitmachen motivieren, begeistern. Letztendlich wollen wir Barrieren aufbrechen, ein Bewusstsein schaffen. Der Barrierenabbau entsteht aber tatsächlich nur durch die Begegnungen und das Erleben.
Wenn du von VOI fesch auch voi begeistert bist, kannst du hier ihre Website besuchen. Und hier findest du ein kurzes Reelvideo, das wir mit Helmut aufgenommen haben.
In unserem Ressort Held:in des Monats berichten wir jedes zweite Monat über herausragende Persönlichkeiten. Lies hier unsere bisherigen Held:innen-Stories nach:
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Evelyn Brezina: „Erlebe die Welt als kleine Abenteurerin“
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David Stockenreitner: “Pessimismus lässt mich oft im Stich”
Thomas Hanreiter: “Mehr Bühnen für Behindertensport”
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Die Hunderetterin von Koh Samui
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